In der Pubertät machen Kinder enorme Entwicklungsschübe durch – begleitet von Stimmungsschwankungen und dem Bedürfnis nach Abgrenzung und Nähe zugleich. Außerdem findet eine soziale Veränderung von der bisherigen Familienzentrierung zur Orientierung an der Freundesgruppe statt. Wir erklären, wie Sie Ihre Kinder in dieser sensiblen Phase am besten unterstützen.
Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
ServiceCenter AOK-Clarimedis
Reifen die Kinder zu Erwachsenen heran, erleben viele Familien einen Wirbelsturm der Gefühle, der das Zusammenleben erschwert und Nerven kostet. Das hängt mit den Entwicklungen zusammen, die die pubertäre Phase mit sich bringt. Typisch sind:
Eltern sollten sich zunächst klarmachen, dass ein pubertierendes Kind in der Regel nicht auf einmal zu einem komplett anderen Menschen wird oder seine Eltern nicht mehr mag. Es ist vielmehr so, dass mehrere Teile des Gehirns eine tiefgreifende Entwicklung durchmachen, und das zeitlich versetzt. Häufig ist die emotionale Reifung viel schneller als die Entscheidungsreife. Das erklärt das typische Impulsverhalten und den Hang zur Unvernunft. Kurz gesagt: Das Herz ist in der Pubertät viel schneller als der Kopf. Für die Jugendlichen ist das eine schwierige Situation, weil sie sich selbst stark infrage stellen und nicht verstehen, was gerade mit ihnen passiert. Außerdem sind die Stimmungsschwankungen körperlich anstrengend. Hinzu kommen die hormonell bedingten körperlichen Veränderungen, die das Selbstbild beeinflussen und Vergleiche mit anderen provozieren. Viele empfinden zudem ein Gefühl der Melancholie: Der Abschied von der Kindheit ist unvermeidlich.
Wenn es also einmal bei Ihnen zu Hause zu eskalieren droht, denken Sie immer daran: Ihr Kind liebt sie wie zuvor – aber die Beziehungen zu Gleichaltrigen sind zunehmend wichtiger.
Das Leben mit einem Teenager ist wie auf dem Pulverfass: Ein einziges nett gemeintes, aber „unangebrachtes“ Wort, und der ganze Tag ist im Eimer. Je nach Bedürfnis lassen Sie das Kind nach der Schule am besten erst einmal in Ruhe, anstatt es mit Fragen zu löchern oder anderweitig zu bedrängen. Gedanken und Aufgaben sollten Sie möglichst wohlwollend und neutral formulieren. Wichtig ist, immer dann gesprächsoffen zu sein, wenn die Jugendlichen kommunizieren wollen. Daraus können sich intensive Dialoge ergeben – etwa über aktuelle soziale Konflikte, über die persönliche Zukunft oder politische Ansichten. Seien Sie vorsichtig mit persönlicher Kritik; versuchen Sie lieber, die Perspektive Ihres Kindes zu weiten und seine Empathie zu wecken. Geben Sie ihm immer das Gefühl der bedingungslosen Liebe und Geborgenheit.
Auch wenn es manchmal schwerfällt, ruhig zu bleiben: Lassen Sie sich nicht provozieren. Weder durch Trotz noch durch Verweigerungsverhalten. Ihr Kind ist dabei, erwachsen zu werden, und das bedeutet, sich von Ihnen, Ihren Erwartungen, Ihren Werten und Ihren Sichtweisen abzugrenzen. Diese Konfrontation ist wichtig, um das eigene Ich zu schärfen. Dennoch hat eine respektvolle, wertschätzende Kommunikation oberste Priorität.
Teenager brauchen Grenzen und feste Regeln. Aber Sie müssen sich natürlich genauso an die Vereinbarungen halten wie Ihr Kind. Zum Beispiel sagen alle Bescheid, wann sie am Abend zu Hause sein werden, damit Sie gemeinsam essen können. Und alle haben Respekt vor dem Eigentum der anderen, ebenso vor der Privatsphäre.
Bei der Einhaltung der Regeln ist Verlässlichkeit gefragt, denn auch das ist ein Signal, dass Ihr Kind weiterhin auf Sie vertrauen kann.
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Mit Augenmaß sollten Sie gemeinsam entscheiden, ob Ihr heranwachsendes Kind Sie immer noch in den Familienurlaub begleiten muss – oder ob eine Jugendreise mit Freunden nicht doch besser ist. Lassen Sie Ihrem Kind den Freiraum, eigene Verabredungen zu auszumachen, Ausflüge zu organisieren und auf die ersten Partys zu gehen. Direkte menschliche Kontakte sind sehr wichtig und in Zeiten hohen Social-Media-Konsums und nach der Isolation durch Corona nicht immer selbstverständlich. Solange Sie einander vertrauen können und die Rahmenbedingungen klar sind, müssen Jugendliche auch nicht im Detail erzählen, wann sie sich wo mit wem treffen. Ist doch mal Nähe gefragt, dürfen Sie Ihr fast erwachsenes Kind ruhig in den Arm nehmen – oder zumindest den Arm streicheln. Achten Sie gut auf die Signale, die es aussendet. Auch ein exklusiver Eltern-Kind-Nachmittag wird vom Nachwuchs manchmal dankend angenommen, um die Beziehung zu pflegen.
Gehen Sie mit gutem Vorbild voran. Reflektieren Sie Ihren eigenen Alkohol- und Drogenkonsum. Zeigen Sie Ihrem Kind, wie Sie mit Konflikten umgehen. So lernen die Jugendlichen, dass auch Sie als erwachsene Person vor manchen Herausforderungen stehen. Es nimmt den Jugendlichen gleichzeitig den Druck, mit 18 sofort „fertig“ sein zu müssen.
Natürlich wünschen sich Kinder Eltern, die ihnen den Rücken stärken und Orientierung geben. Aber es tut auch gut, Mama oder Papa einmal weinen zu sehen, ihnen zuzuhören, wenn sie mal nicht weiterwissen, und sie zu trösten. Das ist eine wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung und lädt die Heranwachsenden dazu ein, sich ebenfalls ein bisschen zu öffnen.
Weder Eltern noch Jugendliche sind allein. Alle können sich in Konfliktsituationen Hilfe suchen: bei Bekannten, anderen Eltern, Beratungsstellen, Coaches oder Therapeuten. Selbst wenn es sich nach einem individuellen Problem anfühlt: Diese Phase haben schon etliche Familien mit viel Geduld und Zugewandtheit überstanden. Holen Sie sich Rat. Ihr Problem muss nicht im Kreise der Familie bleiben. Wichtig ist nur, dass Höchstpersönliches vertraulich bleibt. Wenn Sie sich nicht sicher sind, sprechen Sie offen mit dem Kind darüber, mit wem Sie gerne welche Informationen teilen würden.
Ihrem Kind können Sie als Anlaufstelle die Seite „Gefühle fetzen“ der Bundestherapeutenkammer oder auch die Nummer gegen Kummer ans Herz legen.
Letzte Änderung: 11.09.2024
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