Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Depressionen – in Deutschland trifft jährlich rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine psychische Erkrankung. Wichtig ist, diese möglichst frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln.
Das mulmige Gefühl ist schon länger da. Irgendetwas stimmt nicht. „Es ist nur eine Phase“, flüstert die innere Stimme zur Beruhigung. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass es dem Kind nicht gut geht und es sich auffällig verhält.
Lustlos, traurig, passiv, aggressiv – die Frage, ob ein bestimmtes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen Teil eines „normalen“ Entwicklungsprozesses ist oder ob sich dahinter eine Erkrankung verbirgt, ist auch für Fachleute nicht immer einfach zu beantworten. Denn alle Heranwachsenden durchlaufen hin und wieder Phasen, in denen sie „down“ sind: Ärger in der Familie, Schulwechsel, bröckelnde Freundschaften, Stress mit Lehrern, Leistungsdruck, die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Pubertät – all das ist belastend und drückt auf die Stimmung.
Meistens lösen sich solche Probleme früher oder später von allein. Wenn aber auf längere Sicht keine Besserung zu beobachten ist, wird es Zeit zu handeln. Denn die Hälfte aller psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter beginnt schon vor dem 18. Geburtstag. Wie sich psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen äußern und auf welche Anzeichen Eltern achten können, lesen Sie auf der nächsten Seite.
Psychische Erkrankungen können individuell ausgeprägt sein und unterschiedliche Schweregrade haben. Manche Krankheitsbilder wie Angststörungen oder aggressive Verhaltensstörungen treten besonders im Kindesalter auf. Teenager leiden häufiger unter Depressionen, Suchterkrankungen oder Essstörungen.
Angst zu haben ist normal und gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu. Wenn Ängste aber häufig, stark, über längere Zeit und ohne Grund auftreten, steckt möglicherweise eine Angststörung dahinter. Diese kann sich auf konkrete Situationen, Gegenstände oder Tiere beziehen (Phobien) oder generell vorhanden sein (Generalisierte Angststörung). Werden Phobien oder generelle Angstgefühle zu einer übermäßigen Belastung für das Kind, benötigt es professionelle Hilfe.
Betroffene Kinder können sich schlecht konzentrieren, lassen sich leicht ablenken und reagieren oft impulsiv. Im Gegensatz zu Kindern mit ADHS sind jene mit ADS nicht hyperaktiv, sondern eher ruhig, verträumt und manchmal ängstlich. Auch psychosomatische Beschwerden wie Einnässen, Bauch- oder Kopfschmerzen können auftreten. Ist AD(H)S diagnostiziert, gibt es gute Förder- und Therapiemöglichkeiten, um Kinder zu stärken.
Autismus ist eine eher seltene neurologische Entwicklungsstörung. Menschen mit Autismus können Signale anderer wie Mimik, Gestik oder andere zwischenmenschliche Reaktionen nur schwer deuten und reagieren oft nicht angemessen. Das führt häufig zu Irritationen. Im Alltag haben betroffene Kinder oft Probleme mit Veränderungen, beharren auf starre Abläufe und Rituale oder können zu Ängsten, Phobien, Wutausbrüchen und anderen herausfordernden Verhaltensweisen neigen.
Bindungsstörungen entwickeln sich bei Kindern in der Regel spätestens bis zum fünften Lebensjahr. Bei manchen Kindern äußert sich die Bindungsstörung in ängstlichem und emotionslosem Verhalten („gehemmte Form“). Andere sind dagegen vertrauensvoll bis distanzlos – auch gegenüber Fremden („ungehemmte Form“). Bindungsstörungen entstehen, wenn die Bezugspersonen des Kindes häufig wechseln oder das Kind vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wird. Da die Symptome auch bei anderen psychischen Störungen vorkommen, sollte die Diagnose stets fachärztlich geprüft werden. Auch die Behandlung sollte in der Hand eines Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie liegen.
Depressionen sind bei Kindern und vor allem bei Jugendlichen eine verbreitete psychische Erkrankung. Eine Depression zeigt sich in Symptomen wie Zurückgezogenheit, Ess- und Schlafstörungen oder häufiges Klagen über körperliche Beschwerden. Ursachen können eine genetische Veranlagung und/oder belastende Situationen in der Familie, der Schule oder in anderen sozialen Gruppen sein. Auch konkrete Anlässe wie die Trennung der Eltern können zu Depressionen führen. Werden Depressionen im Kindes- oder Jugendalter nicht behandelt, leiden die Betroffenen auch als Erwachsene darunter.
Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Adipositas können zwar auch Kinder betreffen, häufiger treten sie allerdings bei Jugendlichen auf. Die Gedanken drehen sich dann immer nur um Essen. Eine Essstörung kann beispielsweise durch gesellschaftlichen Druck, mangelndes Selbstwertgefühl oder Perfektionismus ausgelöst werden. Die Ursachen sind vielfältig – entsprechend komplex ist die Behandlung.
Kopf-, Bauch- oder Gliederschmerzen, Müdigkeit oder Übelkeit: Bei somatoformen Störungen – auch psychogene Störungen genannt – steht ein körperliches Symptom im Vordergrund, für das trotz umfangreicher Untersuchungen keine organischen Ursachen gefunden werden können. Voraussetzung für eine Therapie ist, dass der behandelnde Arzt die psychischen Hintergründe der körperlichen Beschwerden erkennt und ernst nimmt. Eine Kombination aus kognitiv-verhaltens- und familientherapeutischen Methoden kann dann helfen.
Tics sind unwillkürlich ausgeführte, wiederkehrende Bewegungen oder Laute. Grund dafür sind gestörte Stoffwechsel-Vorgänge im Gehirn. Bei Kindern kommen Tic-Störungen häufig vor, verschwinden aber meist auch von selbst wieder. Es gibt motorische Tics, wie etwa Muskelzuckungen, und vokale Tics, beispielsweise Räuspern. Oft haben die betroffenen Kinder noch weitere Verhaltensauffälligkeiten.
Verhaltensstörungen äußern sich auf vielfältige Weise. Das Verhalten eines Kindes wird von Außenstehenden über längere Zeit als unangemessen und störend empfunden. Es ergibt keinen Sinn und schadet oft auch dem Kind selbst. Dazu zählen: Aggressivität, Störung des Sozialverhaltens, Hyperaktivität, übermäßige Schüchternheit, Unreife und kriminelles Verhalten. Hilfe finden Eltern bei einer Familien- oder Erziehungsberatungsstelle.
Betroffene verspüren den Drang, immer wieder etwas waschen, kontrollieren, ordnen oder zählen zu müssen. Auf diese Weise meinen sie, eine (nicht vorhandene) Gefahr zu bannen. Dass ihre Handlungen unsinnig sind, ist vielen Kindern klar. Sobald die Zwangsstörung das Kind daran hindert, sich frei zu entfalten, oder das Familienleben stark beeinträchtigt, ist eine Therapie unumgänglich. Übrigens: Wer zuweilen das Gefühl hat, selbst unter einer Zwangsstörung zu leiden, kann unseren Selbsttest ausprobieren.
Bevor eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird, werden Kinder und Jugendliche gründlich körperlich untersucht. Der Hausarzt oder der Kinder- und Jugendarzt sollte sichergehen, dass hinter den Symptomen keine physische Ursache steckt.
Sind körperliche Gründe ausgeschlossen, versucht der Arzt, mehr über die Symptome und die persönliche Situation zu erfahren. Oder er überweist das Kind beziehungsweise den Teenager an einen Psychologen.
Um den Beschwerden auf den Grund zu gehen, befragt der Arzt oder Psychologe sowohl die Eltern als auch das Kind. Mit Einverständnis der Eltern werden auch die Erzieher oder Lehrer gebeten, von ihren Beobachtungen zu berichten – meist über standardisierte Fragebögen. Auf diese Weise erhält der Arzt ein genaueres Bild von der Lebenssituation des Kindes sowie seiner Beschwerden oder Auffälligkeiten. Je nach vermuteter Erkrankung bieten sich aber auch Spielsituationen an, bei denen er das Verhalten des Kindes beobachten und daraus seine Schlüsse ziehen kann.
Die richtige Therapie hängt von der Art und Schwere der Krankheit ab. Manchmal ist eine wöchentliche ambulante Psychotherapie das Mittel der Wahl. In anderen Fällen wird eine medikamentöse Behandlung oder ein stationärer Klinikaufenthalt angeraten, um die Krankheit in den Griff zu bekommen. Auf jeden Fall entscheiden Eltern oder Sorgeberechtigte das in Absprache mit dem Kind und den behandelnden Fachärzten.
Familiencoach Kinderängste
Das Onlineprogramm, das mutig und stark macht
Warum manche Kinder und Jugendliche an einer psychischen Störung erkranken und andere nicht, lässt sich pauschal nicht beantworten. Folgende Faktoren können diese aber begünstigen:
Einfluss auf die psychische Gesundheit haben auch einschneidende Erlebnisse wie die Corona-Pandemie. Vor dem Hintergrund von Lockdown, Homeschooling und Social Distancing hat sich das seelische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verschlechtert. Fast jedes dritte Kind litt ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Fachleute beobachten verstärkt Ängste und Sorgen, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden (Quelle: COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf).
Letzte Änderung: 08.03.2022
Einwilligungserklärung für die Nutzung der Social Media Plugins
Für die Nutzung von Social-Media Dienstangeboten diverser Unternehmen stellen wir Ihnen Social-Media-Plug-ins zur Verfügung. Diese werden in einem Zwei-Klick-Verfahren auf den Online-Angeboten der AOK eingebunden.
Die AOK erfasst selbst keinerlei personenbezogene Daten oder Informationen über deren Nutzung mittels der Social-Media-Plug-ins.
Über diese Plug-ins können jedoch Daten, auch personenbezogene Daten, an die US-amerikanischen Diensteanbieter gesendet und gegebenenfalls von diesen genutzt werden. Das hier eingesetzte Verfahren sorgt dafür, dass zunächst keine personenbezogenen Daten an die Anbieter der einzelnen Social-Media-Plug-ins weitergegeben werden, wenn Sie unser Online-Angebot nutzen. Erst wenn Sie eines der Social-Media-Plug-ins anklicken, können Daten an die Dienstanbieter übertragen und durch diese gespeichert bzw. verarbeitet werden.